ADHS ist keine Superkraft – es ist eine Belastung. Ich habe die Romantisierung satt.

ADHS ist kein cooles Persönlichkeitsmerkmal, keine Entschuldigung für alle möglichen Nachlässigkeiten, kein Label für „kreative Chaoten“ und schon gar kein Content-Thema für Leute, die damit nur billige Klicks abgreifen wollen, ohne echten Mehrwert zu bieten. Es ist eine neurologische Störung, die mir (und vielen anderen) jahrelang das Leben schwer gemacht hat. Ich will dafür nicht bewundert und schon gar nicht bemitleidet werden.

ADHS als Marketing-Gag

Zwei Menschen im Büro – einer versucht konzentriert zu arbeiten, während die andere Person symbolisch für die ständige Ablenkung steht, die ADHS mit sich bringt: Unsichtbare Reize, die Prioritäten durcheinanderwirbeln.

Plattformen wie TikTok und Instagram sind voll von „ADHS-Coaches“, die anscheinend keine Ahnung haben und teils sehr abstruse Thesen vom Stapel lassen. Die einen verkaufen dir für unangemessen viel Geld ihren „Produktivitäts-Kurs“ (spoiler: der funktioniert nicht, wenn du dich eh nicht konzentrieren kannst). Die anderen feiern ADHS als „Geschenk“ oder „Superkraft“ – für die meisten Betroffenen, mich eingeschlossen, ist es aber kein Geschenk – es ist eine Last.

High-Five! „Buche mein Coaching und dann läuft der Laden“ – oder auch nicht. ADHS-Coachings haben Konjunktur, der Nutzen bleibt fragwürdig. Foto: krakenimages / Unsplash

Ich habe unter anderem folgendes „geschenkt“ bekommen:

  • Verpasste Deadlines, weil Priorisierung von Aufgaben nicht mehr funktioniert. Neue Reize rasseln durch den Filter, bekommen höchste Priorität und alles andere bleibt liegen – LIFO (Last In, First Out).
  • Scham und Wut auf mich selbst, weil ich als faul oder unzuverlässig abgestempelt wurde oder mich selber so gesehen habe.
  • Erschöpfung vom ständigen Kampf gegen mein eigenes Gehirn.
  • Unmengen an Geld rausgeworfen wegen Hyperfokus auf: {Neues Hobby hier einfügen}.

LIFO – „Last In, First Out“ – ist das genaue Gegenteil von dem, was eigentlich funktionieren *sollte*: Statt dass Aufgaben in der Reihenfolge ihres Eintreffens bearbeitet werden, **springt das Neueste, Lauteste oder Aufregendste sofort an die Spitze** – egal, wie dringend die älteren Aufgaben sind. Es ist, als würde jemand **ständig die Warteschlange deines Gehirns umkrempeln** und die Prioritäten **nach Lust und Laune neu sortieren**. Das Ergebnis? **Verpasste Deadlines**, halb fertige Projekte und dieses ständige Gefühl, „irgendwie alles falsch zu machen“ – selbst wenn man **eigentlich produktiv sein will**.

ADHS als Lifestyle

Ein Junge löst komplexe Mathematikaufgaben an der Tafel – doch für viele mit ADHS fühlt sich selbst das einfachste Problem an, als stünde man vor einer unüberwindbaren Mauer. Die Diskrepanz zwischen Fähigkeit und Umsetzbarkeit ist oft frustrierend.
„Ich *könnte* das – wenn mein Gehirn mich nur lassen würde.“ Die Lücke zwischen Potenzial und Realität ist für viele mit ADHS eine tägliche Quelle von Frust. Foto: Vitaly Gariev / Unsplash

Alles is immer total locker und lustig in deren Videos: Ein Bisschen Chaos hier, ein Haufen Bücher da, eine stehengelassene Tasse und Wäsche auf dem Boden. „Guck, wie mein ADHS eigentlich total funny ist, ich bin nur ein bisschen verpeilt. Alles easy bei mir. Locker-leicht, Diggi.“

Und dann, last but not least, wären da noch diese Performance-ADHS-Heinis, denen angeblich alles leicht fällt. Die ganz komplexe Dinge in wenigen Tagen oder Wochen lernen – alles nur weil sie halt nicht neurotypisch sind und ihr ADHS voll reinkickt. Direkt in den Hypersuperfokuslernmodus – yeah.

„Zieh dir rein wie ich in 2 Tagen total professionell Violine spielen erlernt habe, mein ADHS macht’s möglich. Ich hab mir dazu nur Videos im Netz reingezogen und schon habe ich auf Weltniveau gespielt. Hehe lol. Bin der Krasseste.“

So oder so ähnlich gibt es der ein oder andere in Interviews zum Besten. Ok, good for you – funktioniert aber bei den meisten halt nicht. Wieso ich keine Quelle angegeben habe? Weil es eine Anekdote ist die meinen Punkt stützen soll aber ich diesen Leuten keine Aufmerksamkeit geben möchte. Es darf sich aber jeder selber in diese Bubble begeben, den Kaninchenbau hinabsteigen und dann über diese Videos stolpern. Auch könnten Böse Zungen jetzt behaupten ich sei neidisch – mitnichten. Mich freut es schon, wenn’s bei anderen gut läuft. Hier geht es aber um etwas ganz anderes: Eine komplette Verzerrung der Aussenwirkung – die meisten von uns leiden, struggeln, kommen nicht klar und sind eben keine von diesen Supermenschen denen alles gelingt – ganz im Gegenteil.

ADHS ist kein Feature Und keine superkraft

Ein Mann in einem Superhelden-Kostüm sitzt verzweifelt vor einem Laptop – ein treffendes Symbol für das ADHS-Paradox: Man *fühlt* sich wie ein Versager, obwohl man eigentlich ein Held im eigenen Kampf ist.
„Keine Superkraft“: ADHS ist kein Bonus, sondern ein ständiger Balanceakt zwischen Überforderung und dem Gefühl, „eigentlich mehr schaffen zu müssen“. Foto: Vitaly Gariev / Unsplash

Ich habe keine Superkraft – und du auch nicht.

Ich habe Strategien entwickelt damit umzugehen – aber die sind kein Lifestyle, sondern Notlösungen oder eben Hacks, um in einer Welt klarzukommen, die für neurotypische Menschen gemacht ist. ADHS ist nicht für alles verantwortlich was nicht richtig funktioniert aber es grätscht immer mal wieder rein und wirbelt alles durcheinander.

Was wirklich hilft (und was nicht)

Nicht hilfreich:

  • „Du musst nur besser organisieren!“ (Als hätte ich das nicht Jahre lang versucht.)
  • „ADHS macht dich kreativ!“ (Nein, es lähmt oft meine Kreativität – und das ist anstrengend.)
  • „Inspirierende“ Ansprachen von Leuten, die ADHS als „Vorteil“ verkaufen (ob die diese Menschen alle eine Diagnose haben? Das lasse ich mal dahingestellt).
  • ADHS Coaches und andere unprofessionelle Nicht-Betroffene, die Dir erzählen wollen, wie es läuft, natürlich gegen Cash.

Hilfreich:

  • (Selbst-)Akzeptanz, dass ich anders funktioniere – ohne mich dafür zu entschuldigen.
  • Praktische Tools und Vorgehensweisen, wie ich meine Schwächen umgehe, statt sie zu bekämpfen.
  • Ehrlichkeit – auch wenn sie unbequem ist. ADHS ist kein Bonus, es ist oft ein Handicap aber es gibt Möglichkeiten damit umzugehen.
  • Professionelle Therapieangebote.

Ich ertrage diese Heile-Welt-Darstellungen und Überhöhung in Bezug auf ADHS einfach nicht. Es ist eine Einschränkung, mit der ich immer wieder auf Neue umzugehen lernen muss. Da gibt es nichts zu verklären. Und auch nichts zu vermarkten.

Und diese Coaches, die einfache, generische Lösungen für sehr individuelle und komplexe Probleme anbieten, ertrage ich ebenfalls nicht.


An die Nicht-Betroffenen

Wenn du kein ADHS hast, aber ADHS Content machst: Du in Du bist ein ADHS-Cosplayer und instrumentalisierst etwas, das du nicht hast, das du nicht bist, das du nicht verstehst – und machst Clicks auf den Nacken von Betroffenen.
¯_(ツ)_/¯


Das Ende

1. Hör auf, ADHS zu verharmlosen und zu romantisieren. Es ist kein Lifestyle und kein Personality Trait.

2. Rede nicht über Betroffene – rede mit Betroffenen. Oder rede halt gar nicht. Ist auch ok.

3. Verstehe, dass manche von uns wütend sind. Jahrelanger Struggle und dann kommen andere und nehmen unsere Diagnosen für ihre Selbstoptimierungs- oder Lifestylebubble.

4. Ein „ADHS Online Selbst Test“ ist keine Diagnose! Such dir professionelle Hilfe!

Zu den Heilsversprechen einiger selbsternannter ADHS Experten abseits der Schulmedizin, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt eingehen, denn diese Leute sind ein Thema für sich.

Entdecke mehr von ADHS Hacker

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen